Ausflugsplaner

Kulturelle Bedeutung der Kellergassen

Durch die vielen arbeitsbedingten Zusammenkünfte entwickelten sich im 19. und 20. Jh. eigene Traditionen in den Kellergassen. Es wurden Sitzgelegenheiten für Sommer und Winter geschaffen. Je nach Jahreszeit konnte man sich bei Zusammenkünften in der Kelleröhre, im Presshaus oder vor dem Keller aufhalten. In den Kellern wurde auch der Weinverkauf abgewickelt. Aufgrund dieser Voraussetzungen entstanden daraus Ritual und Brauchtum, nämlich die „Kellerstunde“ und die „Köllamauna“. Ebenfalls Teil des Brauchtums, welches sich in den Kellergassen entwickelt hatte waren Martiniheurige (Verkosten der eben fertigen Weine Mitte November) und das Emmaus- oder In die Greangehen zu Ostern.1

Die Kellergassen im Weinviertel und dem benachbarten Südmähren bildeten einen zentralen Ort sowohl im Arbeitsleben, als auch zunehmend in der Freizeit eines Winzers oder einer Winzerfamilie. Abseits von familiären Festen und Pressarbeiten im Herbst waren die Kellergassen ein Reich der Männer. Diese sogenannten Köllamauna hatten hier ihr eigenes Rückzugsgebiet. Die Männer trafen sich hier zu zweit oder in Gruppen. Diese „Köllastund“ diente entweder zum geschäftlichen oder zum privaten Austausch und dauerte meistens wesentlich länger als tatsächlich eine Stunde. Dabei wurde nicht selten viel getrunken, wobei der Wein früher um einiges weniger Alkoholgehalt aufzuweisen hatte als heute. An Speisen waren dabei meistens einfache kleinere Jausen mit Käse und Brot vorhanden. Manche Weinpressen besaßen ein „Quarglkastl“ in welchem neben dem Käse nicht selten auch die Weingläser aufbewahrt wurden. Das dazugehörige Brot wurde mitgebracht. Zu besonderen Anlässen wurde auch schon einmal ein Braten verspeist.2

Schon Charles Sealsfield beschreibt 1828 in seiner Reisebeschreibung “Österreich, wie es ist…” den Stellenwert des Brauchtums der Kellermänner: “Der Eingang in den Keller führt durch ein kleines gemauertes Häuschen, welches die Weinpresse enthält, und ein oder zwei Räume, die dem Vergnügen des Weinbauern und der Weinverkäufer dienen … der Weinhandel spielt sich nicht trocken ab, und bei jeder Rast wurden wir zu Kostproben eingeladen.”3

Vermutlich um so oft wie möglich in diesen Freiraum der Kellergasse eintauchen zu können und einen weiteren Grund für einen Besuch in der Kellergasse zu haben, aber auch um mit dem Wein sparsamer umzugehen, lagerten viele Hauer ihre Weine in ihren Kellern in der Kellergasse und nicht im Hauskeller. Von der Kellergasse wurde die Flasche Wein – mitunter täglich – mithilfe eines „Kellerzögers“ geholt. Der Zöger war eine aus Leder oder Stroh gefertigte, röhrenförmige und verschließbare Tragtasche. Transportiert wurden damit auch Doppelliterflaschen („Doppler“). Der Wein für den täglichen Genuss war der leichte „Haustrunk“. Für festliche Anlässe wurden stärkere Weine (der „Guide“/Gute) besonders behütet. Da die Hauer nicht selten einen längeren Weg zur, außerhalb oder am Rand des Ortes liegenden, Kellergasse zurücklegen mussten, entwickelte sich der Besuch des Kellers zu einem regelrechten Ritual, welches in die Tagesplanung miteinbezogen werden musste.4

Im rituellen Dorfleben spielte auch die Kellergasse eine Rolle. Als Beispiel sei hier die feierliche Überreichung des Kellerschlüssels vom Vater an den Sohn genannt, als eine Art Initiationsritus, als Zeichen der Mannwerdung des Sohnes.5

Spätestens in den 1960er Jahren begann sich das Bild zu wandeln. Die Weinproduktion wurde in modernere und größere Produktionsstätten verlegt. Die Presshäuser wurden umgebaut, die Kellergassen zu Orten der Erholung. Nach und nach waren nur mehr wenige Kellerbesitzer als Hauer/Weinbauern tätig.

Nur manche erkannten damals den kulturhistorischen Wert der Weinviertler Kellergassen wie etwa der Künstler Hermann Bauch, der die Kellergassen oft als Motiv seiner Kunstwerke heranzog und entsprechende Objekte in Bezug auf Weinbau und Kellergassen sammelte und in das Gesamtkunstwerk „Himmelkeller“ in Kronberg integrierte.

Kellergassen sind heute zu Attraktionen für Touristen geworden. Sie sind ein Wahrzeichen des Weinviertels.6 Für Reisende waren sie auch schon in Zeiten, wo der wirtschaftliche Zweck noch im Vordergrund stand eine Besonderheit. Neben der oben erwähnten Beschreibung von Charles Sealsfield gibt es auch im Wanderbuch von A. Krickel aus dem Jahr 1829 im Rahmen einer Beschreibung von Bad Pirawarth eine Notiz zu den Kellergassen: „Der kleine kaum eine halbe Stunde lange Umweg wird niemanden reuen, denn statt gerade durch die langweilige Gegend fortzuwandeln, führt eine mit Weinhügeln umgebene Seitenstraße, wo sich Keller an Keller reiht, in das in einem Kessel gelegene und als berühmter Badeort gepriesene reinliche Dorf“.7

Künstler und Journalisten streichen heute die Besonderheit der Kellergassen heraus:

„Es hat etwas Heidnisches, dass sich die Bauern Löcherhöhlen in das Erdreich graben, um dem normalen Lebenslauf zu entrinnen und tiefer einzutauchen in die Welt des Rausches“ 8

„Keller sind Fluchtpunkte. Hier kann man dem Tag hinterher schauen, wie er seine letzten Schatten auf die Felder wirft und sich leise aus dem Hohlweg schleicht. Hier riechen die grünen Türen noch nach Sommer, wenn schon der Abendwind im Akazienlaub raschelt. Und in den Hollerbüschen hängen die Blüten wie milchige Monde“ 9

Die moderne Tourismuswirtschaft hat die Kellergassen in den letzten Jahrzehnten wieder mehr und mehr entdeckt. Alte Bräuche wurden wieder belebt. Gleichzeitig wurden neue Veranstaltungen und Events geboren wie etwa die „Offene Kellertür“. Wein wird in den Kellergassen kaum mehr produziert. Somit haben die meisten Weinkeller ihre ursprüngliche Verwendungsform verloren, jedoch eine neue erlangt. Die Keller dienen heute oftmals als Räume für Vinotheken, Verkostungsstüberl, Ausstellungsräume, Adventmärkte oder ähnliches. Nicht nur Einheimische, sondern auch viele auswärtige Gäste zählen heute zu den Besuchern der Kellergassen. Für sie werden heute auch professionelle Führungen durch zertifizierte Kellergassenführer angeboten, um die Ursprünglichkeit der Kellergassen zu vermitteln. Kunst und Sport haben Einzug in die Kellergasse gehalten. Für Kunstprojekte werden teilweise ganze Kellergassen adaptiert oder ein Kelleratelier eingerichtet. Rund um Kellergassen und Kellerberge entstanden Walking- und Laufrouten. Radwege führen hie und da durch Kellergassen.10

Die Klammer um Innovation und Tradition bildet die Kellergassenrevitalisierung. Zu ihren Zielen gehört die Erhaltung und fachgerechte Sanierung bestehender Presshäuser und Keller in traditionellem Stil ohne sich dabei auch einer innovativen Nutzung in den Weg zu stellen.

(Autor: Horst Krönigsberger)

Mehr über Weinkellerkultur und Köllamauna: www.koellamauna.at

Literatur:

  • Eminger, Erwin: Zur Frage des Alters der Kellergassen im südöstlichen Weinviertle in: Unsere Heimat. Zeitschrift des Vereins für landeskunde von NÖ, heft 3, S. 263-277. Fürnkranz, Rudolf: Weinviertel. Fragen zur Geschichte des Weinviertels, der Dorfgemeinschaften, des Weinbaues, der Kellergassen, S. 15-16, abgerufen aus dem Internet am 3. Feb. 2012 unter Geschichten.pdf
  • Fürnkranz, Rudolf: Skriptum, Auszug in: Kellergassen im Weinviertel. 100% Weinviertler Kulturgut. Broschüre der Leader Region Weinviertel Ost, Zistersdorf 2010, S. 4-5. Kenyeres, Peter/Jasser, Manfred: Kultur der Kellergasse, Schriftenreihe „Das Weinviertel“ Heft 4/5 (mit Beitragen von Werner Galler u.a.), Mistelbach 1980.
  • Krammer, Wolfgang/Rieder Johannes: Weinviertler Kellergassen. Unsterblicher Kulturschatz, Schleinbach 2012.
  • Landsteiner, Erich: Weinbau und Gesellschaft in Ostmitteleuropa, Dissertation Univ. Wien, Wien 1992.
  • Leierer, Helmut: Zukunft Kellergassen, Baugestaltung, Wien 2004/2008
  • Kellergassen im Weinviertel. 100% Weinviertler Kulturgut. Broschüre der LEADER Region Weinviertel Ost (Redaktion: Johannes Wolf, Sophie Doppler), Zistersdorf 2010.
  • Erweiterte Literaturliste zum Thema rund um die Kellergassen (pdf)

  1. Fürnkranz: Weinviertel, Fragen zur Geschichte des Weinviertels, der Dorfgemeinschaften, des Weinbaues, der Kellergassen, S. 18-19. 

  2. Galler, Werner: Volksleben in der Kellergasse, in: Kenyeres/Jasser: Kultur der Kellergasse, S. 102. 

  3. Sealsfield, Charles: Austria as it is, or sketches of continental courts, by an eye-witness. London 1828, Auflage von 1919 der deutschen Fassung, S. 89. 

  4. Galler, Werner: Volksleben, S. 104. 

  5. Galler, Werner: Volksleben, S. 105. 

  6. Fürnkranz: Weinviertel, S. 18-19. 

  7. Wanderbuch von A. Krieckel, zitiert nach: Fürnkranz, Weinviertel, S. 17. 

  8. Herman Nitsch, 1999. 

  9. Mella Waldstein, „Wein Woche“, Sommer 2002 

  10. Kellergassen im Weinviertel. 100% Weinviertler Kulturgut. Broschüre der LEADER Region Weinviertel Ost, Zistersdorf 2010, S. 11-13. 

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