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Geschichte und Entstehung der Kellergassen

Orte zur Weinherstellung und zur Lagerung gibt es vermutlich schon, seit es den Weinbau gibt, doch die Geschichte der Kellergassen, so wie wir sie heute kennen, ist eine verhältnismäßig junge.

Im antiken Rom gab es die „torcularia“ oder „calcatoria“ – so genannte Kelterhäuser, in denen die Trauben gepresst wurden. Die erste urkundliche Nennung eines Presshauses im Mittelalter stammt aus dem Jahr 885 als Teil eines Hofes im Zuge einer Stiftung bei Krems. Die Verarbeitung von Trauben war jahrhundertelang nur Klöstern und der Obrigkeit vorbehalten, die ihre Lesehöfe in der Nähe ihrer Weingärten errichten ließen. Die Gärung des Mostes vollzog sich während des Transportes.

Bei den „celleae vinariae“ handelt es sich um eine antike Form der unterirdischen Weinlagerung (Vertiefungen mit Holzplanken) wo Wein in Amphoren („doliae“), welche bis zum Hals im Erdreich eingegraben wurden, mit bis zu 30 l gelagert werden konnte. In zeitgenössischen Quellen (Tacitus) wird auch von unterirdischen Vorratsräumen bei den Germanen berichtet. Bis weit ins Frühmittelalter zur Zeit Karls des Großen um 800 waren derartige Vorrats- und Wirtschaftsräume zumeist aus Holz errichtet. Erst in den nächsten Jahrhunderten lösten allmählich in Stein gefasste unterirdische Varianten diese Vorratsräume ab und es entstanden unterirdische Rundgewölbe zur Lagerung des Weines.1

Im Mittelalter entstanden in erster Linie in Klöstern und Städten, wo die Herrschaften ihre Weine lagerten, große Zehentkeller, d.h. dort wurde der Zehent, die Abgabe der Bauern an ihre Grundherren, gelagert. In der Nähe ihrer Weingärten ließen die Klöster Lesehöfe errichten.

In der zweiten Hälfte des 17. Jh., nach dem Dreißigjährigen Krieg, änderte sich die Besitzstruktur. Die Bauern erhielten mehr Rebflächen, wodurch neue Lagerkapazitäten bei den Hauern nötig geworden waren. So gab es in Eibesthal nachweislich bereits um 1680 Kellergrabungen2. Jedoch blieb vorerst ein Mangel an Lagerkapazitäten bis um 1800 bestehen. Um diesen zu kompensieren wurden immer häufiger Weinkeller angelegt. So entwickelten sich allmählich ganze Kellergassen mit ihren heute bekannten Weinkellern.3

Auch in Erdställen, meist schmale und niedrige unterirdische Gangsysteme, wurde mitunter Wein gelagert. Viele solcher Erdställe im Weinviertel stammen vermutlich aus dem Mittelalter (11. oder 12. Jh.). Der ursprüngliche Zweck ihrer Errichtung ist jedoch nicht eindeutig geklärt. Sie dienten wohl oftmals als Zufluchtsstätten waren jedoch für einen längeren Aufenthalt nicht geeignet.4

In den Dörfern existierten bis in das 18. Jh. vornehmlich einzelne große Zehent- oder Herrschaftskeller der jeweiligen Grundherrschaften. Im 18. Jh. wurden unter Maria Theresia die Rahmenbedingungen für Bauern verbessert. Zu jener Zeit begann wohl die Entstehung vieler ungewölbter Erdhöhlen als „Bauernkeller“ auch außerhalb des Hofes5.
Einen weiteren Impuls für die vermehrte Anlage von Bauernkellern gab die Umwandlung der Leibeigenschaft in eine „gemäßigte Untertänigkeit“ sowie die Erlaubnis zur Weinausschank unter Joseph II. 1781 bzw. 17846. Eine Erleichterung für die Weinhauer zur Anlage von Wein- oder Lagerkellers war auch, dass Grundbesitz keine Voraussetzung für das Graben eines Kellers war. Ein Bauer, der einen kleinen Keller als Lagerraum benötigte, musste nur die Zustimmung des Grundbesitzers einholen.7

Ein Großteil der für uns heute typischen Kellergassen hat sich wohl vornehmlich seit dem Ende des 18. Jh. entwickelt. Die älteste bildliche Darstellung einer Kellergasse findet sich auf einem Gemälde aus dem Jahr 1767, mit der Darstellung von Rohrendorf bei Krems. Im Hintergrund ist eindeutig eine Kellerzeile mit Presshäusern zu erkennen. Weitere Keller entstanden im 18. Jh. etwa im Pulkautal und in Poysbrunn.8. Die Josephinische Landaufnahme um 1780 zeigt bereits einige Kellergassen (Haugsdorf, Alberndorf, Untermarkersdorf, Hausbrunn, Eibesbrunn). Die Erdkeller dienten nicht nur zur Weinerzeugung und -lagerung sondern auch als Lagerstätten für andere landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Rüben, Kartoffeln, etc.

Der Franziszeische Kataster, für den Vermessungen um 1820 im Weinviertel durchgeführt wurden, zeigt bereits eine flächendeckende Verbreitung von Kellergassen.

Der nach Nordamerika ausgewanderte Schriftsteller Carl Anton Postl alias Charles Sealsfield aus Poppitz bei Znaim (heute Popice) beschreibt um 1828 die Kellergassen Südmährens und des Weinviertels: “Die Dörfer künden ihre Nähe durch die vorgelagerten Weinkeller an, welche in das Erdreich eingegraben und meist gewölbt sind. … Jedes Dorf verfügt über 40 oder 50 Keller, vor denen im Schatten von Nussbäumen zwei Bänke und ein Tisch stehen.”9 Eine wahre Blütezeit erfuhr die Anlage von Kellergassen im 19. Jahrhundert, vor allem um 1815 (Geldentwertung, notwendige Weinbevorratung) und um 1848/50 (Ende der Patrimonialherrschaften, Aufhebung des Traubenzehent). Der Großteil der Kellergassen entstand im 19. Jh. Sie wurden vorwiegend in Lösshohlwegen oder an Hängen angelegt und entwickelten sich oftmals zu langgestreckte Kellertriften, die sich ungeplant zu ganzen Kellerdörfern, den „Dörfern ohne Rauchfang“, entwickelten.10 Die Keller wurden zumeist in den leicht zu bearbeitenden Löss gegraben. Wichtige Kriterien waren bei der Wahl ihres Standortes die Nähe zu den Weingärten sowie Schutz vor Hoch- und Grundwasser.

Eine verbindliche Definition der Kellergassen gibt es nicht11. Erich Landsteiner beschreibt sie so: “Kellergassen sind primär Orte, wo Weintrauben gekeltert werden, Most vergären kann und der Wein ausreift.”12. Bei Andreas Schmidbauer heißt es, dass eine Kellergasse eine durch eine gemeinsame Erschließung (Weg) verbundene räumliche Konzentration von mindestens 6 Wirtschaftsgebäuden ist, die einem landwirtschaftlichen Produktions- und Lagerzweck (in der Regel Wein) dienen oder gedient haben und explizit eine Wohnnutzung ausschließen13. Lange Zeit stand in den Kellern der Kellergassen die Weinproduktion im Vordergrund. Die Anlage der Keller und Kellergassen hatte zunächst vor allem pragmatische Gründe wie die schon erwähnte Nähe zu Weingärten oder um Verarbeitung und Lagerhaltung unter einem Dach zusammenzuführen.14

Die typischen Kellergassen mit ihren Kellern mit oder ohne vorgelagertem Presshaus entwickelten sich vorwiegend nur im Weinviertel und im benachbarten Südmähren, welches kulturell und landwirtschaftlich, bis zur Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung 1945 großteils auch sprachlich, eng mit dem Weinviertel verwandt ist bzw. war. Vereinzelt entstanden Kellergassen noch in anderen Teilen Niederösterreichs (nördlich von St. Pölten um Traismauer und Herzogenburg), im nördlichen Burgenland (z.B. Gols) und im südwestlichen Ungarn (etwa Pécs). Andernorts existieren „Presshausviertel“ ohne Keller, etwa in Heiligenbrunn im südlichen Burgenland.15

Kellergassen können – trotz gemeinsamer Grundbedingungen für ihre Entstehung – in ihrer Gestalt sehr unterschiedlich sein. So sind sie im südöstlichen Weinviertel zumeist Neben- oder „Hintaus“gassen des Ortes. Im westlichen und nördlichen Weinviertel liegen die Kellergassen nicht selten mehrere Kilometer außerhalb des Ortes. Manche entwickelten sich zu eigenen „Kellerbergen“ (Wildendürnbach). Diese verschiedenen Formen können auch in einer Ortschaft vorkommen. So gibt es etwa in Poysdorf mit der „Loahmgstettn“ ein Kellerviertel bei der Kirche. Dahinter erstreckt sich der „Radyweg“ als langgestreckte Hohlweg-Kellergasse, ebenso wie der „Pürsting“ auf der anderen Seite der Brünner Straße.16

(Autor: Horst Krönigsberger)

Literatur:

  • Eminger, Erwin: Zur Frage des Alters der Kellergassen im südöstlichen Weinviertel, in: Unsere Heimat. Zeitschrift des Vereins für Landeskunde von Niederösterreich, Heft 3, S. 263- 277.
  • Fürnkranz, Rudolf: Weinviertel. Fragen zur Geschichte des Weinviertels, der Dorfgemeinschaften, des Weinbaues, der Kellergassen, S. 15-16, abgerufen aus dem Internet am 3. Feb. 2012 unter Geschichte.pdf
  • Fürnkranz, Rudolf: Skriptum, Auszug in: Kellergassen im Weinviertel. 100% Weinviertler Kulturgut. Broschüre der Leader Region Weinviertel Ost, Zistersdorf 2010, S. 4-5.
  • Galler, Werner: Wesen und Gestalt der Kellergasse, in: Kenyeres, Peter/Jasser, Manfred: Kultur der Kellergasse, Schriftenreihe „Das Weinviertel“ Heft 4/5, Mistelbach 1980, S. 22ff. Kenyeres, Peter/Jasser, Manfred: Kultur der Kellergasse, Schriftenreihe „Das Weinviertel“ Heft 4/5 (mit Beitragen von Werner Galler u.a.), Mistelbach 1980.
  • Krammer, Wolfgang/Rieder Johannes: Weinviertler Kellergassen. Unsterblicher Kulturschatz, Schleinbach 2012.
  • Landsteiner, Erich: Weinbau und Gesellschaft in Ostmitteleuropa, Dissertation Univ. Wien, Wien 1992.
  • Leierer, Helmut: Zukunft Kellergassen, Baugestaltung, Wien 2004/2008.
  • Kellergassen im Weinviertel. 100% Weinviertler Kulturgut_. Broschüre der LEADER Region Weinviertel Ost, (Redaktion: Johannes Wolf, Sophie Doppler), Zistersdorf 2010.

  • Erweiterte Literaturliste zum Thema rund um die Kellergassen


  1. Fürnkranz, Rudolf: Weinviertel. Fragen zur Geschichte des Weinviertels, der Dorfgemeinschaften, des Weinbaues, der Kellergassen, S. 15-16, unter Geschichte.pdf abgerufen aus dem Internet am 03.02.2012 

  2. Fürnkranz, Skriptum, S. 4. 

  3. Fürnkranz, Weinviertel, S. 16. 

  4. Fürnkranz, Rudolf: Skriptum, Auszug in: Kellergassen im Weinviertel. 100% Weinviertler Kulturgut. Broschüre der Leader Region Weinviertel Ost, Zistersdorf 2010, S. 4. 

  5. Fürnkranz, Rudolf: Vom Werden der Kellergassen in Leierer, Helmut: Zukunft Kellergassen, Baugestaltung, Wien 2004/2008, S. 10. 

  6. Eminger, Erwin: Zur Frage des Alters der Kellergassen im südöstlichen Weinviertles, in: Unsere Heimat. Zeitschrift des Vereins für landeskunde von NÖ, heft 3, S. 263-277. 

  7. Krammer, Wolfgang/Rieder Johannes: Weinviertler Kellergassen. Unsterblicher Kulturschatz, Schleinbach 2012, S. 38f. 

  8. Fürnkranz: Weinviertel, S. 17-18. 

  9. Sealsfield, Charles: Austria as it is, or sketches of continental courts, by an eye-witness. London 1828, Auflage von 1919 der deutschen Fassung, S. 89. 

  10. Fürnkranz, Vom Werden der Kellergassen, S. 10. 

  11. Fürnkranz: Weinviertel., S. 17-18. 

  12. Landsteiner, Erich: Weinbau und Gesellschaft in Ostmitteleuropa, Dissertation Univ. Wien, Wien 1992. 

  13. Schmidbauer, Andreas: Die niederösterreichischen Kellergassen. Eine Bestandsaufnahme. Entstehung – Verbreitung und Typologie – Entwicklungstendenzen, Univ.Diss., Wien 1990, S. 62. 

  14. Fürnkranz, Skriptum, S. 4-5. 

  15. Vgl. dazu Galler, Werner: Wesen und Gestalt der Kellergasse, in: Kenyeres, Peter/Jasser, Manfred: Kultur der Kellergasse, Schriftenreihe „Das Weinviertel“ Heft 4/5, Mistelbach 1980, S. 22, bzw. Bildbericht S. 46 

  16. Galler, Werner: Wesen und Gestalt der Kellergasse, S. 22. 

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